Burschenschaftliche Geschichte

Der Ursprung der Burschenschaften reicht bis ins Mittelalter zurück. Die Bezeichnung „Burschenschaft“ stammt von „Burse“, was so viel wie Wohnheim / Wohngemeinschaft mit gemeinsamer Kasse (lat. „bursa“) bedeutet. Der Bewohner der Burse war ein Bursche.

Von der Urburschenschaft zum Vormärz

Die Gründer der Urburschenschaft von 1815 (Jena) verstanden hierunter die (angestrebte) Gemeinschaft aller Studenten an allen deutschen Universitäten. Sie hatten als Mitglieder von Freikorps an den Freiheitskriegen gegen die napoleonische Fremdherrschaft teilgenommen (Wurzel des burschenschaftlichen Grundsatzes der Wehrhaftigkeit) und lehnten die Kleinstaaterei und Bevormundung durch die Fürsten ab. Die von der Jenaischen Urburschenschaft gewählten Farben schwarz-rot-gold leiten sich von der Uniform der Lützower Jäger ab, denen zahlreiche Gründungsburschen angehört hatten.

Burschenschaftliche Geschichte

Das Wartburgfest am 18. Oktober 1817 hatte maßgeblichen Anteil an der Ausbreitung der burschenschaftlichen Idee, die ursprünglich auf den Zusammenschluss aller deutschen Studenten abzielte. Dieser Gedanke wurde aber spätestens in den 1820er Jahren aufgegeben. 1818 wurde die Allgemeine Deutsche Burschenschaft gegründet.

Urburschenschaftsfahne

 

Das Wartburgfest am 18. Oktober 1817 hatte maßgeblichen Anteil an der Ausbreitung der burschenschaftlichen Idee, die ursprünglich auf den Zusammenschluss aller deutschen Studenten abzielte. Dieser Gedanke wurde aber spätestens in den 1820er Jahren aufgegeben. 1818 wurde die Allgemeine Deutsche Burschenschaft gegründet.

  Wartburgfest 1817

Den reaktionären Fürsten war die Burschenschaft ein Dorn im Auge. Sie nutzten daher die Chance, nach der Ermordung des Dichters und Burschenschaftsgegners August von Kotzebue durch den Burschenschafter Carl Ludwig Sand mit den „Karlsbader Beschlüssen“ vom 20. September 1819 die Burschenschaft zu verbieten.
  Ermordung von Kotzebues

Ihre Mitglieder wurden verfolgt und soweit möglich zu langen Haftstrafen, z.T. sogar zum Tode verurteilt. Zensur und behördliche Überwachung sorgten für ein Klima der Unfreiheit.Ende der 1820er Jahre entspannte sich die Lage. In der Burschenschaft bildeten sich die beiden Strömungen der „Germanen“ (Betonung des waffenstudentischen und politischen Charakters der Burschenschaft) und „Arminen“ (Betonung der Sittlichkeit und der Erziehungsaufgabe).

Die demokratisch-republikanischen Ideen hatten mittlerweile aber Verbreitung in der Bevölkerung gefunden, was u.a. zum Hambacher Fest vom 27. Mai 1832 führte. Im Zug von Burschenschaftern und Bürgern auf das Hambacher Schloss wurden die burschenschaftlichen Farben schwarz-rot-gold mitgeführt und galten seitdem als die Farben des deutschen Einheits und Freiheitsstrebens.

   Hambacher Fest 1832

Der als „Frankfurter Wachensturm“ in die Geschichte eingegangene Umsturzversuch germanistischer Burschenschafter führte zu erneuter Verfolgung der Burschenschafter. Burschenschaften konnten erst wieder in den 1840er Jahren als unpolitische Vereinigungen gebildet werden.

  Frankfurter Wachensturm

März-Revolution von 1848
Die Februar-Revolution 1848 in Frankreich führte auch zu revolutionären Entwicklungen in Deutschland. Das aus freien Wahlen hervorgegangene „Paulskirchenparlament“ schuf die erste demokratische deutsche Verfassung. Dem Parlament gehörten etwa 150 Burschenschafter in allen Fraktionen an. Das Scheitern der 1848er Revolution zwang wieder viele Burschenschafter ins Exil.

Frankfurter Paulskirchenparlament

In den 1840er Jahre waren die sog. Progressburschenschaften maßgebend, die neben der Einschränkung des studentischen Zweikampfes eine stärkere politische Arbeit (in sog. Kränzchen) propagierten und dabei auch mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zusammenarbeiten wollten. Der Progress verschwand aber Mitte der 1850er Jahre wieder, die Burschenschaften betonten wieder mehr ihren waffenstudentischen Charakter.
Die Zeit zwischen 1848 und 1871 war auch die Zeit der Kartellbildungen. Die Alemannia gehört zum „Roten Verband„, einem der ältesten noch bestehenden Kartelle. Der Gegensatz der Kartelle verhinderte einen Zusammenschluss aller Burschenschaften, der erst auf Initiative der drei Urburschenschaften mit dem Allgemeinen Deputierten-Convent (ADC, seit 1902 Deutsche Burschenschaft) in Eisenach gelang.

Kaiserreich und 1. Weltkrieg

An der deutschen Vereinigung und der Entstehung des Bismarckreiches hatten die
Burschenschaften keinen maßgeblichen Anteil, auch wenn ohne ihre Vorarbeit hinsichtlich eines gesamtdeutschen Bewusstseins die Einigung sicher nicht möglich gewesen wäre. Sie arrangierten sich aber mit dem kleindeutschen Reich Bismarckscher Prägung.

Die Burschenschaften glichen sich den anderen waffenstudentischen Verbindungen, insbesondere den Corps, unter Betonung des korporativen Elements immer mehr an. Äußerlichkeiten wurden betont und die nunmehr auch verpflichtenden Bestimmungsmensur prägend. Die Zahl der Burschenschaften – wie auch der anderen Studentenverbindungen – nahm im Zuge des Anstiegs der Studentenzahlen zu. Die früher bestimmenden alten Kartelle gerieten in die Minderheit, das burschenschaftliche Leben verflachte zusehends.

Andererseits erfolgte eine weitere Institutionalisierung durch Gründung von Altherrenvereinen (AHV), die das Aktivenleben für die immer größer werdenden Burschenschaften auf eigens gebauten Korporationshäusern ermöglichten. Parallel zur Deutschen Burschenschaft (DB) erfolgte die Gründung der örtlichen Vereinigungen Alter Burschenschafter (VAB).

Neben den klassischen Universitäten wuchsen aber auch die im Kaiserreich gegründeten Technischen Universitäten. Die an ihnen sich bildenden Burschenschaften gründeten 1900 ihren eigenen Verband, den Rüdesheimer Deputierten Convent (RDC), später Rüdesheimer Verband Deutscher Burschenschaften (RVDB). Außerdem etablierten sich Reformburschenschaften, die sich 1883 zum Allgemeinen Deutschen Burschenbund (ADB) zusammenschlossen. Der ADB lehnte den studentischen Zweikampf und anfangs auch die Bestimmungsmensur ab. Er wollte das waffenstudentische zugunsten einer stärkeren Besinnung auf die urburschenschaftliche Idee zurückdrängen.

In burschenschaftlichen Kreisen entstand in den 1880er Jahren die moderne Form desAntisemitismus, nunmehr basierend auf den Lehren von Gobineau und Chamberlain auch rassisch motiviert. Außerdem wurde das Nationale stark betont.

  Bismarckhuldigung 1895

Obwohl Otto von Bismarck Corpsstudent gewesen war, genoss er hohes Ansehen bei den Burschenschaften, das sich u.a. in der großen Bismarckhuldigung der deutschen Studentenschaft (unter Führung der Bonner Studentenschaft bzw. der Alemannen) am 1.4.1895 (Bismarcks 80. Geburtstag) in Friedrichsruh manifestierte. Nach seinem Tod 1898 initiierte die Burschenschaft unter Führung der Bonner Alemannen die Bismarcksäulen- Bewegung. Ab 1901 entstanden hierdurch zahlreiche Bismarcktürme / -säulen.

  Bismarcksäule in Friedrichsruh

In den 1. Weltkrieg zogen die Burschenschafter mit derselben Kriegsbegeisterung wie andere Teile der Bevölkerung; die Burschenschafter zahlten einen hohen Blutzoll.

Weimarer Republik

Die aus dem Weltkrieg heimkehrenden Burschenschafter standen der an die Stelle der
monarchischen Ordnung getretenen Weimarer Republik meist ablehnend gegenüber.
Zahlreiche Burschenschafter beteiligten sich in Freikorps an der Niederschlagung kommunistischer Aufstände und an den Grenzlandkämpfen in Oberschlesien, Kärnten und dem Baltikum.

1919 wurden Deutsche Burschenschaft und Rüdesheimer Verband verschmolzen und die Vereinigung mit der Burschenschaft der Ostmark (Deutsch-Österreich) beschlossen. Die DB beteiligte sich auch an der Gründung der Deutschen Studentenschaft (DSt), die im großdeutschen Geist Studentenvertretungen aller Universitäten des deutschen Sprachraums vereinigte. Die DSt verstand sich als studentische Selbstverwaltung und Interessenvertretung aller, auch der nichtkorporierten Studenten.

Die Deutsche Burschenschaft wurde zunehmend politisiert und gerierte sich betont
antirepublikanisch. Schwerpunkte der Betätigung lagen in der Volkstumsarbeit (Grenzlandfahrten) und der Förderung des Wehrgedankens. Die Nähe zum rechten politischen Lager manifestierte sich auch in dem Verhalten gegenüber den Juden. Bereits der Burschentag 1920 hatte die Nichtaufnahme von jüdischen Studenten beschlossen; 1923 folgte der Nichtvereinbarkeitsbeschluss in Bezug auf Freimaurer.

Während der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) als politischer
Gegner wahrgenommen wurde, hatten viele, vor allem jüngere Burschenschafter Sympathien für den Nationalsozialismus und Hitlers Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP). Der Wunsch nach einem Dritten Reich unter einem starken Mann war sehr weit verbreitet, auch wenn die alten Burschenschafter die Radikalisierung eher skeptisch betrachteten.

Drittes Reich und 2. Weltkrieg

Viele Burschenschafter begrüßten den Regierungsantritt von Hitler. Die Deutsche
Burschenschaft und andere Korporationsverbände sandten Huldigungsadressen und führten im vorauseilenden Gehorsam das Führerprinzip ein. Der staatsstreichartig ernannte „Führer der DB“ Schwab wollte die DB zum einzigen nationalsozialistischen Korporationsverband machen. ADB-Bünde wurden daher in die DB aufgenommen, Schwabs weitere Maßnahmen, insbesondere die Schaffung eines Einheitsbundes mit Einheitsmütze stießen auf Opposition. Die über das von der NSDAP geforderte Maß hinausgehenden Arierbestimmungen des Allgemeinen Deutschen Waffenrings (ADW), dessen Mitglied die DB war, vom Juni 1933 wurden durchgesetzt und die sich widersetzenden Burschenschaften (u.a. Alemannia Bonn) ausgeschlossen. Aus der DB-internen Opposition, der Losen Arbeitsgemeinschaft, ging 1934 der Altburschenschaftliche Ring hervor, der sich 1935 als Konkurrenzverband Alte Burschenschaft (DAB) nannte.

Am 18. Oktober 1935 endete die Existenz der DB. Die meisten Korporationsverbände hatten sich bereits kurz vorher aufgelöst. Spätestens Anfang 1936 war klar, dass die NSDAP keine Konkurrenz zum NSDStB in Form der Korporationen dulden würde. Die letzten Burschenschaften lösten sich im Sommersemester 1936 auf. Viele AHV verkauften daraufhin ihre Verbindungshäuser.

  Auflösung der Deutschen Burschenschaft 1935

An ihre Stelle traten ab 1936 NS-Kameradschaften, die z.T. von den Altherrenschaften der aufgelösten Burschenschaften (und anderer waffenstudentischen Verbindungen) finanziell unterstützt wurden. Die Alten Herren hofften, ihr burschenschaftliches Erbe – wenn auch mit Einschränkungen – an die Kameradschaften tradieren zu können, was z.T. auch gelang. Die Kameradschaften wurden im Laufe des 2. Weltkrieges sogar zunehmend „korporatisiert“, d.h. sie glichen sich den alten Korporationen an.

Neuanfang nach dem 2. Weltkrieg und Trennung

Nach dem verlorenen 2. Weltkrieg und Wiedereröffnung der Hochschulen kam es auch zu (Wieder-)Gründungen von Burschenschaften in den westlichen Besatzungszonen. Mit Rücksicht auf das Besatzungsrecht, das die Korporationen als NS-nahe Vereinigungen verboten hatte und das eine Zulassung durch die Universitätsoffiziere reglementierte, wurden die Gründungen durch die Studenten unter Tarnbezeichnungen vollzogen. Viele Burschenschaften aus dem Osten mussten sich in anderen Universitätsorten eine neue Heimat suchen, einige fusionierten und andere bestanden nur noch als AHV.

Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Wegfall des Besatzungsrechtes ermöglichte 1950 die Wiederbegründung der Deutschen Burschenschaft in Marburg und der VVAB in Bingen. Die Bestimmungsmensur wurde wieder zum verpflichtenden Verbandsprinzip, die Aufnahme der Burschenschaften in Österreich aber abgelehnt. Die wieder auftretenden Differenzen zwischen germanistischer und arministischer Richtung, die Frage der Pflichtmensur, die Aufnahme von Kriegsdienstverweigernund die Forderung nach der Aufnahme der Österreicher prägten die Auseinandersetzung im Verband. Der sog. historische Kompromiss 1971, der die Pflichtmensur abschaffte und die Aufnahme von deutschen Burschenschaften in Österreich ermöglichte, lösten die Probleme nur vordergründig.

Die deutsche Einheit 1990 ermöglichte die Rückkehr einiger Exilburschenschaften an ihre alten Hochschulorte und die Rückkehr der Deutschen Burschenschaft nach Eisenach. An der alten burschenschaftlichen Stätte fand 1991 der erste Burschentag nach der Wiedervereinigung statt und der Denkmalerhaltungsverein konnte Burschenschaftsdenkmal und Burschenhaus wieder in Besitz nehmen. Die 40 Jahre davor hatte die DB meist in Landau / Pfalz ihre Burschentage abgehalten.

Die Entwicklung nach 1991 führte aber immer mehr zur Spaltung der Burschenschaft. Die neben den alten Kartellen wegen der Österreicherfrage in den 1960er Jahren entstandene Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG) bildete eine immer mehr an Einfluss gewinnende Fraktion in der DB. Die liberal gesinnten Bünde (Marburger Ring, Hambacher Kreis, Roter Verband) konnten ihre Vorstellungen von burschenschaftlicher Arbeit im arministischen Sinne nicht mehr durchsetzen und traten daher seit Anfang der 1990er Jahre in größerer Zahl aus. Einige der ausgetretenen oder von der DB ausgeschlossenen Burschenschaften gründeten im Januar 1996 in Hannover die Neue Deutsche Burschenschaft (NeueDB), der heute 13 Mitglieder angehören.